Der durchbohrte Berg

Der Gotthard hatte schon immer eine zentrale Stellung in der Schweizer Verkehrspolitik. Bereits früh wurde der Gebirgspass als geeignete Transitroute erkannt. Wars zu Beginn noch ein Saumpfad, gesellten sich später sowohl die kurvenreiche Eisenbahnstrecke als auch der als Nadelöhr bekannte Strassentunnel dazu. Damit nicht genug: Mitte 2016 wird ein weiteres Jahrhunderbauwerk am Gotthard eröffnet. Der Basistunnel verkürzt die Reisezeit weiter und soll dereinst helfen, die Ziele der schweizerischen Verlagerungspolitik zu erfüllen.
Vier Röhren existieren also bereits, und geht es nach dem Bundesrat, soll schon bald eine fünfte folgen. Dem 1980 eröffneten Strassentunnel sind die über 6 Millionen Durchfahrten pro Jahr anzusehen, mittel- bis langfristig steht die Sanierung an. Die Alternativen zu einer weiteren Röhre (zeitweise Sperrung des bestehenden Tunnels, rollende Landstrasse) wurden schnell verworfen. Ein zweiter Tunnel soll die alte Röhre entlasten und für mehr Sicherheit sorgen. Laut dem Bundesrat durchaus Faktoren, die den höheren Preis gegenüber den Alternativen rechtfertigen. Gegner argumentieren mit dem Alpenschutz, der 1994 vom Schweizer Souverän angenommen und zehn Jahre später mit der ablehnenden Haltung gegenüber der Avanti-Vorlage bestätigt wurde.
Fasst man die Fakten zusammen, ergibt sich folgendes Bild:

  • Der Strassentunnel muss saniert werden
  • Das Tessin darf während dieser Zeit nicht vom Rest der Schweiz isoliert werden
  • Der Alpenschutz verbietet auf Verfassungsebene eine Kapazitätserhöhung im Transitverkehr

Um der Verfassung gerecht zu werden, sollen nach dem Neubau und der Sanierung in beiden Röhren nur je eine Fahrbahn zur Verfügung stehen, eine zweite Spur soll als Pannenstreifen für Notfälle frei bleiben. Befürworter versprechen sich durch dieses System mehr Sicherheit bei gleicher Kapazität. Allerdings ist es für die Gegner nur eine Frage der Zeit, bis die Behörden dem Druck des Verkehrs nachgeben und den Pannenstreifen in Stosszeiten für die Durchfahrt freigeben. Sollte das Parlament dem Bundesrat folgen und einen weiteren Tunnel am Gotthard befürworten, ist das Referendum vorprogrammiert.
Für der.bleistift sind folgende Punkte zu beachten:

  • Der Betrieb des bestehenden Tunnels im Gegenverkehr ist sicherheitstechnisch bedenklich. Ein kurzer unaufmerksamer Moment eines übermüdeten Autofahrers kann zur Katastrophe führen. Zwei Röhren mit richtungsgetrennten Fahrbahnen minimieren das Risiko von schweren Unfällen und verhindern Frontalkollisionen.
  • Sowohl wirtschaftlich als auch ökolgisch sind regelmässige Staus eine Katastrophe. Die Anzahl Staustunden ist am Gotthard verglichen mit den Städten zwar eher tief, ist aber dennoch nicht zu vernachlässigen. Der Verkehr verlagert sich zu neuralgischen Zeiten auf die umliegenden Dörfer und belastet Anwohner zusätzlich. Für Transportunternehmer kostet jede Minute, in der ein Lastwagen steht, bares Geld. Und für jedes Fahrzeug, welches stundenlang im Stop-and-go-Modus die Rampen in Richtung Tunnel hinaufkriecht, erhöht sich der Verbrauch und die Schadstoffemissionen. Dies alles spricht dafür, die Staustunden am Gotthard möglichst zu minimieren.
  • Die Angst, die zweite Spur könnte zu Stosszeiten dem Verkehr freigegeben werden, ist nicht unbegründet. Im Gegensatz zum Bau eines neuen Tunnels, was bereits mit der Avanti-Initiative vorgeschlagen wurde, ist die Anpassung von Markierungen und Ampelanlagen bei bereits existierender Röhre nur ein kleiner Schritt.

der.bleistift sagt: Nur der Sicherheit wegen ist ein zweiter Tunnel nicht nötig. Die Sicherheit lässt sich mit günstigen Massnahmen soweit optimieren, dass schwere Unfälle glimpflich ausgehen. Wird eine zweite Röhre gebaut, muss zwingend Schluss sein mit den regelmässigen Staus! Die Auto-Lobby und Tunnel-Befürworter sollten hier zwingend mit offenen Karten spielen und nicht etwas versprechen, was sie in 20 Jahren nicht halten können!
Darum gibt es für der.bleistift eine einzige Lösung: Das Volk darf ein weiteres Mal über den Alpenschutz abstimmen. Soll die Transit-Kapazität weiterhin beschränkt bleiben, gibts keine zweite Röhre. Der bestehende Tunnel wird saniert und danach mit einer Maut belegt. Der alpenquerende Schwerverkehr wird konsequent auf die Schiene verlagert.
Kippt das Volk den Alpenschutzartikel aus der Verfassung, ist die Ausgangslage ebenso klar. Das Nadelöhr Gotthard fällt weg, der Verkehr fliesst ungehindert. Die Verlagerungspolitik der letzten 20 Jahre wäre damit gescheitert. Und damit ein milliardenschweres Jahrhunderprojekt, mit den beiden längsten Tunnel weltweit!

 

der.bleistift

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