Interview mit Tanja im Doppelpack

der.bleistift steht diese Woche für das traditionelle Beach Volleyball Grand Slam in Gstaad im Einsatz. Für die heute Dienstag erschienene erste Ausgabe der “Daily News” hatte der.bleistift die Gelegenheit, mit den beiden sympathischen Silbermedaillen-Gewinnerinnen Tanja Goricanec und Tanja Hüberli ein Interview zu führen. Dieses Gespräch fand am 1. Juli in Bern statt und wird hier mit freundlicher Genehmigung der beiden Athletinnen in voller Länge publiziert.

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der.bleistift: Bitte beschreibt euch kurz gegenseitig!

Tanja H.: Das ist eine gute Frage, die wurde uns noch nie gestellt! Ich fange an: Tanja ist eine aufgestellte und offene Person. Sie ist eher ruhig, kann aber aus sich herauskommen, wenn ihr etwas nicht passt. Auf dem Feld ist sie positiv und ehrgeizig. Tanja ist sehr verständnisvoll, sie hat viel Geduld mit mir (lacht). Man kann mit Tanja sehr viel Spass haben, weil sie sehr offen ist. Und sie schläft gerne lang (lacht).

Tanja G.: Tanja ist sehr fröhlich und aufgestellt, sie redet gern und viel! Das ist ein guter Ausgleich zu mir (lacht)! Auf dem Feld ist sie positiv, will immer gewinnen und sucht die Perfektion.

 

der.bleistift: Wie und wann habt ihr mit dem Beachvolleyball begonnen?

Tanja H.: Ich habe eigentlich ziemlich spät begonnen. Angefangen hab ich in der Halle und habe dort Nationalliga B gespielt. Irgendwann hat mich jemand gefragt, ob ich Lust auf Beachvolleyball hätte. Ich bin dann mitgegangen, das war glaube ich 2009. 2013 war die erste internationale Saison.

Tanja G.: Ich hab mit 14 angefangen. Ich spielte in der Halle, bis eine Kollegin im Tessin mich gefragt hat, ob ich mit ihr Beachvolleyball spielen möchte. Vor allem damit man auch im Sommer etwas machen kann. Ich kam dann ziemlich schnell in die Nationalmannschaft.

 

der.bleistift: Spielt ihr auch noch Hallenvolleyball?

Tanja H.: Nein. Also ich muss sagen, manchmal reizt es mich schon, vor allem wegen den Matches. Aber das auch nur im Winter.

 

der.bleistift: Was macht denn die Faszination „Beachvolleyball“ aus?

Tanja H.: Die ganze Atmosphäre. Wenn du in Gstaad auf dem Feld stehst, dann weisst du: Genau deswegen spiele ich Beachvolleyball! Diese Sportart begeistert so viele Menschen, es herrscht eine sehr positive Stimmung. Sportlich gesehen ist es eine grössere Herausforderung als in der Halle, man muss selber viel mehr Verantwortung übernehmen. Man steht nur zu zweit auf dem Feld, das macht es viel anspruchsvoller, man muss vielseitiger sein.

Tanja G.: Beachvolleyball ist sehr athletisch. Weil man nur zu zweit ist, muss man mental sehr stark sein. Und man braucht ein gutes Verhältnis zur Partnerin. Auch gute Technik und Taktik sind wichtig, wenn man auf einem hohen Niveau spielen will.

 

der.bleistift: Habt ihr Vorbilder?

Tanja H.: Also ich muss sagen, Kerry Walsh fasziniert mich schon sehr. Ich hab mich sehr gefreut, als wir in Stavanger gegen sie spielen und einen Satz gewinnen konnten. Es gibt auch andere gute Spielerinnen, aber Kerry Walsh ist eine grosse Persönlichkeit. Das Gesamtpaket gefällt mir!

Tanja G.: Eine Spielerin die mir sehr gut gefällt ist die Holländerin Marleen Van Iersel. Sie ist in allen Bereichen sehr gut und technisch sehr stark. Eine komplette Spielerin!

 

der.bleistift: Wie gestaltet sich die Sponsorensuche? Könnt ihr vom Sport leben?

Tanja H.: Wenn du Vorschläge hast, nehmen wir die gerne entgegen (lacht)!

Tanja G.: Jetzt nach der EM hat sich das Konto ein wenig gefüllt (lacht)!

Tanja H.: Natürlich sind wir auch auf die Sponsoren angewiesen, die Suche ist auch nicht ganz einfach. Aber für diese Saison kommen wir gut durch. Es ist auch immer eine Frage des Lebensstandards. Solange man nicht 3000 Franken Miete bezahlt, reicht es auch mal für Ferien (lacht)!

Tanja G.: Es ist nicht so, dass wir viel Geld auf die Seite legen könnten. Aber wir leben (lacht)!

der.bleistift: Merkt man denn, dass die Silbermedaille etwas verändert hat?

Tanja G.: Von den Sponsoren her nicht unbedingt. Aber wir bekommen viel mehr Medienpräsenz. Nach der EM gaben wir mehr Interviews als in der gesamten restlichen Saison. Auch jetzt vor dem Turnier in Gstaad bekommen wir sehr viele Anfragen.

 

der.bleistift: Ihr spielt jetzt die zweite Saison zusammen. Wie habt ihr euch gefunden?

Tanja H.: Ich bin neu dazugekommen. Die Trainer meinten, es gäbe drei Varianten, die alle noch keine Blockerin hatten. Ich hab dann Tanja um ein Treffen gebeten, sie war am Anfang noch unsicher. Wir haben dann über unsere Vorstellungen und Ziele gesprochen. Für mich war dann sehr bald klar, dass ich gerne mit ihr zusammenspielen möchte.

Tanja G.: Ich musste am Anfang vor allem überlegen, ob ich überhaupt weitermachen will. Ich spielte seit dem 14. Geburtstag und hatte schon sehr viel Zeit in den Sport investiert. Ich wusste aber, dass ich eine Blockerin brauche, wenn ich weitermachen will.

Tanja H.: Sie musste für mich einen Schritt zurück machen!

Tanja G.: Ich war ziemlich unsicher, ich wusste nicht, ob sich der Aufwand lohnt. Aber jetzt bin ich sehr froh, dass ich diesen Schritt gemacht habe (lacht)!

 

der.bleistift: Wenn man so viel Zeit zusammen verbringt, führt man fast schon ein Eheleben. Wie ist das persönliche Verhältnis zueinander?

Tanja H.: Ja. Wir sind beide froh, wenn wir auch mal Zeit für uns haben. Aber wir verstehen uns super. Ich glaube wir sind auch beide sehr unkompliziert.

Tanja G.: Wenn ich merke, dass ich Zeit für mich brauche, sage ich das auch. Dann gehe ich auch mal alleine Essen. Das ist dann für sie auch kein Problem. Es ist nicht so, dass sie sich dann Gedanken darüber macht (lacht).

Tanja H.: Es ist wichtig, dass man manchmal egoistisch ist. In Berlin, nachdem wir ausgeschieden waren, wollten wir noch zwei Tage trainieren. Es war eine blöde Situation, weil wir ein Spiel verloren hatten, das wir eigentlich hätten gewinnen müssen. Wir haben dann je ein Einzelzimmer genommen, damit wir nicht auch ausserhalb des Trainings aufeinander sitzen. In solchen Situationen nervt man sich dann über Kleinigkeiten, zum Beispiel nur wenn sie laut atmet. Dann ist es wichtig, dass man sich die Zeit nimmt, die man braucht. Der sportliche Erfolg macht natürlich alles einfacher. An der EM, als wir eine Woche am Stück zusammen waren, hatten wir kein Problem (lacht).

 

der.bleistift: Wie seid ihr mit dem Saisonverlauf zufrieden?

Tanja G.: Wir hatten ein paar gute Resultate, wie jetzt in Stavanger. In Zürich haben wir das international gut besetzte Turnier gewonnen, oder der 9. Platz am Open in China. Nach der EM hatten wir zwei schlechtere Turniere, vor allem haben wir auch nicht gut gespielt. Im Allgemeinen können wir zufrieden sein. Wir müssen jetzt Gas geben, damit wir die Leistung der EM wiederholen können.

der.bleistift: Ist das Resultat wichtiger als die eigene Leistung?

Tanja G.: Eigentlich die eigene Leistung. Wenn wir gegen ein starkes Team verlieren wie jetzt gegen Ross – Walsh, aber eigentlich gut gespielt haben, dann waren die Gegnerinnen einfach besser. Wenn man aber wie in der Qualifikation für Berlin in Führung liegt, dann in ein Loch fällt und noch verliert, nervt das extrem!

Tanja H.: Ich hab den Anspruch, dass wir die Qualifikation überstehen. In der Qualifikation ist mir die Art und Weise, wie wir spielen, fast egal. Dort musst du einfach gewinnen! Die Trainer sagen auch immer, es sei egal, wenn man im dritten Satz 20:18 gewinnt. Klar ist es schön, wenn man gut spielt und dann gewinnt. Aber in der Qualifikation zählt eigentlich nur der Sieg.

 

der.bleistift: Wie war denn die plötzliche Leistungsexplosion in Cagliari möglich?

Tanja H.: Ich glaube wir haben drei Tage am absoluten Limit gespielt, haben alles aus uns herausgeholt.

Tanja G.: Unser Mental-Coach war dabei. Das war ein grosser Vorteil.

Tanja H.: Bei uns spielt sich noch viel im Kopf ab. Der Mental-Coach war sicher wichtig. In Gstaad wird er dann auch wieder dabei sein (lacht).

Tanja G.: Achtung, wir kommen (lacht)!

Tanja H.: Es war sicher nicht zu erwarten. Aber so wie wir gespielt haben, war es sicher verdient.

der.bleistift: Was fehlte im Final? Fehlte die Energie, oder war die Spannung weg, nachdem ihr eine Medaille auf sicher hattet?

Tanja H.: Nein, gar nicht. Wir haben beide alles gegeben, ich war sehr enttäuscht, dass wir verloren haben. Ich hatte die letzten drei Nächte extrem schlecht geschlafen, und ich brauche auf dem Feld in jeder Aktion die 100-prozentige Konzentration. Ich habe es dann vor allem beim Zuspiel gemerkt, dass die letzte Energie fehlte. Das war sicher ein Unterschied zu den anderen Spielen. Wir konnten bis zum 15:15 im ersten Satz mithalten, sie haben dann sehr gut gespielt. Unser Spiel war nicht schlecht, aber im Vergleich zum Halbfinal fehlten wohl einige Prozente. Ich weiss nicht wie es dir erging, aber ich war im Final schon sehr müde!

Tanja G.: Ich auch. Es war auch extrem heiss. Ich habe es eigentlich schon im Halbfinal gemerkt, aber irgendwie hast du dort so gut geblockt, dass ich gar nichts machen musste (lacht).

der.bleistift: Konntet ihr euch bei der Siegerehrung über die Medaille freuen oder war der Frust über verpasstes Gold noch da?

Tanja G.: Direkt nach dem Spiel war ich schon sehr enttäuscht. Als wir dann auf dem Podest standen, überwog aber der Stolz über den erreichten 2. Platz.

Tanja H.: Ich bin hier wohl schon extrem. Es kann sein, dass wir im nächsten Jahr wieder im Final stehen, es kann aber auch sein, dass wir das nie wieder schaffen. Wenn du diesem Traum so nahe kommst, im entscheidenden Moment die Topleistung aber nicht bringst, ist das schon sehr hart. Wenn wir den Halbfinal verloren und dann Bronze geholt hätten, wäre ich wohl der glücklichste Mensch auf Erden gewesen. Wir haben am Morgen so gut gespielt, und ich wusste, wenn wir im Final die gleiche Leistung bringen, könnte es reichen. Ich hatte schon Mühe damit, dass wir dies im Final nicht geschafft haben. Aber klar, wenn mich vor dem Turnier jemand gefragt hätte, hätte ich einen zweiten Platz natürlich sofort genommen. Eine Silbermedaille übertrifft natürlich einiges!

 

der.bleistift: Ihr müsst für die internationalen Turniere durch die mühsame Qualifikation. Was fehlt noch für die direkte Qualifikation für das Hauptfeld?

Tanja G.: Punkte (lacht)!

Tanja H.: Wir müssen hart dafür kämpfen. Wir haben jetzt noch nicht so viele gute Resultate, die uns herausreissen würden.

Tanja G.: Es ist halt so, dass bereits in der Qualifikation starke Gegnerinnen warten, die auch mal einen Viertelfinal erreichen können. Es ist nicht so, dass die Qualifikation ein Selbstläufer ist.

Tanja H.: Dort ist auch der Druck enorm gross. Wenn du nach Moskau fliegst, dann ist ein Scheitern in der Qualifikation das Letzte was du willst.

 

der.bleistift: Welche Ziele habt ihr noch für den Rest der Saison?

Tanja H.: Das grosse Ziel ist, genug Punkte zu sammeln, um bei den Turnieren direkt ins Hauptfeld zu kommen, oder möglichst nahe dran. Im nächsten Jahr startet die Qualifikation für Olympia, und dafür wollen wir eine möglichst gute Ausgangslage.

der.bleistift: Die olympischen Spiele in Rio sind das grosse, langfristige Ziel?

Tanja G.: Unterdessen können wir das glaube ich sagen.

Tanja H.: Vor einem Jahr war das noch eher ein Traum. Heute sind wir diesem Traum sicher näher gekommen.

 

der.bleistift: Reden wir über Gstaad. Welche Bedeutung hat das Turnier für euch?

Tanja G.: Gstaad kann man mit keinem anderen Turnier vergleichen.

Tanja H.: Das Turnier ist für mich noch grösser als die Europameisterschaft. Wenn man mich gefragt hätte, ob ich mich mehr auf die EM oder auf Gstaad freue, hätte ich Gstaad gesagt. Gut, wenn man mir den zweiten Platz an der EM angeboten hätte, wäre es vielleicht doch die EM gewesen (lacht). Du kannst dir das nicht vorstellen. Es ist Europameisterschaft, du bist irgendwo an einem Strand und es gibt, – mit Ausnahme der Eltern und Trainer, – null Zuschauer. Es ist eigentlich traurig. Du stehst da zu zweit auf dem Feld, und es kommt null Stimmung auf. Das Resultat in Cagliari war natürlich ein grosses Highlight, aber mit dem ganzen Drumherum ist Gstaad unübertreffbar.

Tanja G.: Es ist toll, wenn man sich den Leuten, die uns während des ganzen Jahres aus der Ferne unterstützen, zeigen kann. Zeigen wie man spielt und was man kann, und bei einem Sieg mit den Zuschauern feiern.

Tanja H.: In Gstaad freuen sich 5000 Leute mit dir. In Cagliari waren wir vielleicht zu zehnt. Und man hört es auch. Wenn es mal nicht läuft, merkt man wie dir die Zuschauer helfen, wie sie dich pushen. In Cagliari waren wir fast allein, dann musst du die Lösung selber finden. Gute Stimmung motiviert mich extrem.

 

der.bleistift: Wie sehen die Ziele für Gstaad konkret aus?

Tanja H.: So viel Spiele wie möglich (lacht)!

Tanja G.: Mir ist vor allem wichtig, dass wir unsere Leistung abrufen können. Wie man gesehen hat, ist vieles möglich, wenn wir unser Bestes geben. Dann können wir auch gute Teams schlagen. Es muss alles stimmen, um ein ähnliches Resultat wie in Cagliari zu erreichen. Aber es ist nicht unmöglich (lacht)!

der.bleistift: Wie schafft man es, unter Druck in solchen Situationen die bestmögliche Leistung abzurufen?

Tanja H.: Ich spüre da keinen Druck. Ich bin dann ein bisschen nervös, und ich freue mich extrem. Es ist kein Druck da, der mir Angst machen würde.

Tanja G.: Wir haben beide diese Erfahrung bereits gemacht. Wenn wir uns auf ein bestimmtes Turnier extrem freuen, dann spielen wir jeweils auch besser.

der.bleistift: Wie gross ist der Heimvorteil?

Tanja H.: Das macht für uns viel aus!

Tanja G.: Es hängt immer auch davon ab, wie man damit umgeht. Für uns ist der Heimvorteil vor allem Motivation.

der.bleistift: Wo liegt der Fokus im Training bis zum Turnierstart?

Tanja H.: Wir haben ziemlich reduziert diese Woche. Ich habe eine kleine Verletzung am Fuss, die mich wahrscheinlich die ganze Zeit über begleiten wird. Stavanger war ziemlich anstrengend, wir sind am Sonntag angereist. Am Montag haben wir trainiert, Dienstag bis Freitag hatten wir jeweils zwei Spiele. Das macht dich dann schon müde.  Wir waren froh, hatten wir jetzt drei Tage frei. Heute fangen wir wieder an, die ganze Woche trainieren wir dann ein wenig reduziert, bevor es dann wieder voll losgeht.

 

der.bleistift: Ich danke für das Gespräch und wünsche viel Erfolg in Gstaad!

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